Es ist viel berichtet worden über das Weltwirtschaftsforum (WEF) 2018 und die Aussagen politischer Gäste von Macron über Merkel bis hin zu Trudeau und Trump. Deshalb soll es hier bei manage:preneur nicht um die bekannten Vortragsinhalte, als vielmehr darum gehen, was das WEF derart attraktiv macht, dass jedes Jahr vielbeschäftigte Menschen den Weg ins abgelegene Alpendorf Davos auf sich nehmen. Aus den Beobachtungen und Gesprächen vor Ort lassen sich für Entscheider der Wirtschaft interessante Erkenntnisse ableiten – gleichsam als „Zauberformel von Davos“ mit exklusiven Impressionen vom WEF 2018. 

Bei dichtem Schneetreiben rutschen gestandene Top-Manager in edlem Schuhwerk über matschige Gehsteige, vorbei an mannshoch aufgetürmten Schneemassen. Neben ihnen auf der engen, vereisten Straße namens „Promenade“ schleppt sich eine lindwurmartige Karawane schwarzer Mercedes-Vans und Limousinen im Kriechtempo voran. Mit ausladenden Handbewegungen ordnen Verkehrshelfer das hektische Geschehen, weisen den Fahrern einen Umweg zu. Helikopterlärm begleitet die Szenerie. An Kreuzungen wachen schwer bewaffnete Polizisten, in jedem Tagungshotel bilden sich vor den Sicherheitschecks lange Schlangen. Wer das Weltwirtschaftsforum in Davos besuchen will, sollte Zeit und Geduld mitbringen – aber woran liegt es, dass vielbeschäftigte Menschen diese Strapazen alljährlich auf sich nehmen und das WEF im mittlerweile 48. Jahr alles andere als Abnutzungserscheinungen zeigt?

Wer noch nie am WEF teilgenommen hat oder anlässlich der Konferenz in Davos gewesen ist, kann sich die Ausgangslage big picture in etwa so vorstellen: Davos als höchst gelegener Ort der Schweiz mit aktuell 11.136 Einwohnern ist eingerahmt von einem herrlichen Alpenpanorama mit neun Skigebieten und verfügt mit Parsenn über die höchste Skipiste auf 2.844 Metern Höhe. Zu erreichen ist das Dorf mit dem Auto ausschließlich über zwei Straßen, die beim WEF durch Streckenposten der Polizei mit Maschinenpistolen gesichert werden. Die Beamten bitten die Fahrer um ihren Ausweis und fragen, „was sie nach Davos führt“. Rund um Davos sind zudem an den Straßen regelmäßig Militäreinheiten zu sehen; etwa 4.400 Soldaten sind während des WEF im Einsatz. Als weitere Anreise-Optionen bleiben nur die ebenfalls schwer bewachte Bahn oder der Helikopter für besondere Gäste. Im Ortskern befindet sich ein Kongresszentrum in moderner Architektur, das beim WEF durch gut sichtbare Scharfschützen auf dem Dach bewacht wird. Das Gebäude liegt direkt an der „Promenade“, die sich als enge Hauptstraße an edlen Hotels, Geschäften und Bars vorbeischlängelt.

Alles in Beschlag genommen

Den Mittelpunkt der einmal jährlich stattfindenden Veranstaltung bildet das Kongresszentrum, in dem Politiker, Manager und Wissenschaftler über die Lage der Weltwirtschaft referieren und diskutieren. Rundherum verwandeln sich Hotels, Geschäfte und Bars in temporäre Veranstaltungsräume für Großunternehmen. Die Miete für insgesamt zwei Wochen soll teilweise im sechsstelligen Bereich liegen. Boutiquen vermieten ihre Ladenlokale an Beratungsfirmen, die dann dort Lounge Möbel nebst Flatscreens aufbauen und ihre Gäste bewirten. Besonders auffällig dieses Jahr ist die Agglomeration von Bitcoin-Firmen wie Consensys, die nebeneinander gleich mehrere Bars und Geschäfte in Beschlag genommen haben, wobei das Geschehen von außen durch Schaufensterscheiben bestens zu verfolgen ist. Nichts im Zentrum von Davos bleibt derweil für das WEF ungenutzt: Facebook hat einen Parkplatz angemietet und dort ein eigenes Haus errichtet. Für den dänischen B2B-Service Tradeshift ist sogar die Kirche umfunktioniert worden. Im mondänen Steigenberger Bélvédère als bestes Hotel am Platze finden tagsüber Vorträge zu aktuellen Wirtschafts- und Politikthemen sowie ab dem späten Nachmittag gediegene Stehempfänge für geladene Gäste statt. Dort tummeln sich dann auch international bekannte Top-Manager und Unternehmer wie SAP-CEO Bill McDermott, PC-Milliardär Michael Dell oder Joe Kaeser von Siemens. Letzterer lässt sich dieses Jahr auf einem Empfang der „Zeit“ interviewen und berichtet den Zuhörern über seine persönliche Sicht auf die Umwälzungen der Wirtschaft.

Stattliches Preisniveau

Zu all diesen Veranstaltungen hat natürlich nur Zutritt, wer ein Badge um seinen Hals trägt und sich dafür zuvor registriert hat. Dabei ist zu differenzieren zwischen Hotel-Badges, mit denen ausschließlich Zutritt zu ausgewählten Hotels möglich ist und Teilnehmer-Badges, die überall Zugang verschaffen. Wer welches Badge trägt, das entscheidet sich nach dem Teilnehmerstatus und damit letztlich vor allem danach, wie viel Geld das jeweilige Unternehmen in die Hand genommen hat. Zwar sind unter den 3.000 Gästen aus 110 Ländern wichtige Politiker, berühmte Filmstars oder gefragte Wissenschaftler, die nichts bezahlen müssen. Für alle anderen gilt: Das Einzelticket kostet etwa 15.000 Euro und erfordert zudem eine Mitgliedschaft im Forum, die mit umgerechnet mindestens 50.000 Euro pro Jahr zu Buche schlägt – die Spitzenwerte liegen bei etwa 500.000 Euro pro Jahr.

Die Zauberformel

Dass Davos trotz der witterungsbedingten Widrigkeiten und der Abgelegenheit starken Zuspruch findet, lässt sich nach den lokalen Beobachtungen und Gesprächen mit WEF-Kennern wie folgt erklären:

1.) Verknappung – hier als „natürliche Verknappung“:

a) Davos ist schwer zu erreichen und selbst in Davos ist das Fortkommen beschwerlich.

b) Zutritt zum WEF und/oder den Hotels haben nur ausgewählte Gäste.

c) Zu speziellen Veranstaltungen wie Empfängen hat nur Zugang, wer auf der Gästeliste steht – das gilt auch für zahlende WEF-Teilnehmer.

d) Die Infrastruktur in und um Davos (z.B. Hotelzimmer) ist stark nachgefragt und daher teils extrem teuer. Für ein einfaches Bett im Schlafsaal werden 430 Euro pro Nacht verlangt, bei Airbnb liegt die günstigste Wohnung in Davos bei mehr als 1.000 Euro pro Nacht.

2.) Netzwerke:

a) Die Möglichkeit, international bekannte Entscheider aus Politik und Wirtschaft außerhalb ihrer Komfortzone zufällig zu treffen – z.B. an der Garderobe oder beim Small Talk.

b) Das Potenzial, völlig neue Kontakte zu knüpfen und zwanglos Geschäft anzubahnen.

c) Die Chance, von neuen Kontakten eine exklusive Einladung zu einem Unternehmensempfang zu erhalten und dort weitere interessante Menschen zu treffen.

3.) Verwandlungen:

a) Objekte wie beispielsweise Ladenlokale werden zweckentfremdet und in ihrem neuen Kontext interessant.

b) Schnell wechselnde, teils im Zweistundentakt realisierte Umbauten von Tagungsräumen sorgen für immer wieder neues Ambiente.

4.) Dramatik:

a) Höchste Sicherheitsstufe zeugt von höchster Bedeutung.

b) Schnee und Eis bergen latente Gefahren.

5.) Inhaltliche Deutungshoheit:

a) Dauerhafte Pflege eines exzellenten, globalen Netzwerks.

b) Jährlich wechselnde Themenschwerpunkte und Redner.

c) Inhaltliche Themenrelevanz für Politik und Wirtschaft.

 

 

 

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