Sie stehen auf ihrer Dachterrasse, der Blick schweift vom Penthouse am Rathenauplatz über die Frankfurter Skyline. Melchior Schulze Brock und Ronny Thorenz haben ihr Büro mitten im Bankenviertel und doch sind die beiden Ex-Investmentbanker mental wie geschäftlich weit entfernt von ihrem einstigen Job. Denn mit Enviria haben sie eine Unternehmensgruppe aufgebaut, die Photovoltaik-Anlagen arrangiert. Sie machen Eigenheimbesitzer zu ihren eigenen Energieversorgern und bilden aus großen Dachflächen von Unternehmen lukrative Investments. Ihr Weg aus der Konzernwelt zum Unternehmer war steinig, aber erfolgreich.

Am Flipchart baumeln Bauhelme, Gebäudeskizzen und Akten bedecken die Schreibtische. Ronny Thorenz (36) telefoniert mit seinen Kollegen auf der Baustelle in Süddeutschland, wo gerade für eine neue Photovoltaikanlage das Dach einer Lagerhalle saniert wird. Parallel spricht Melchior Schulze Brock (35) mit einem neuen Mitarbeiter aus England, der sich um den internationalen Vertrieb kümmert. Kein Zweifel: hier bei Enviria geht richtig was – doch bis dahin war es ein steiniger Weg.

Rückblick: Es ist die Zeit der Finanzmarktkrise, als die beiden jungen Männer nach ihrem BWL-Studium und diversen Bank-Praktika im Investmentbanking anheuern. Sie arbeiten im Vertriebsbereich von internationalen Finanzkonzernen und haben täglich mit Derivaten und Millionenbeträgen zu tun. „Mit zwei Telefonhörern gleichzeitig und immer zu 100% konzentriert“, erinnert sich Thorenz und schiebt nach: „12 bis 14 Stunden arbeiten – das war ein intensives Leben.“ Den Erfolg aber ernten die Seniors. Die Hierarchien nehmen zu, der Einfluss auf Entscheidungen sinkt und Frust kommt auf. Ähnlich geht es zeitgleich Schulze Brock: „Im Investmentbanking musst Du quantitativ gut drauf sein, gut socializen können und mit ausgefahrenen Ellenbogen arbeiten. Dieses Skill Set hat mich nicht ausgefüllt. Ich bin ein kreativer Typ, der etwas gestalten will“, beschreibt Schulze Brock seine Selbsterkenntnis.

Abkehr vom Konzernleben

Beide Jungbanker hängen ihre Jobs unabhängig voneinander an den Nagel. Melchior Schulze Brock reist einige Monate in Asien umher, stellt sich Lebensfragen und kommt zu dem Entschluss, etwas Eigenes zu machen: „Ich hatte zwar keine Idee, wollte aber nie wieder in einen Konzern.“ Er kehrt zurück nach Deutschland und gründet zunächst ein kleines Import-/Export-Handelsunternehmen für Rohstoffe. Ohne Erfolg, denn der Wettbewerb ist zu mächtig. Etwas später kehrt auch Ronny Thorenz von seiner Auszeit in Ozeanien zurück und heuert bei einem Start-up in der Schweiz an. Doch schnell merkt er die Abhängigkeit von den Entscheidungen anderer und orientiert sich neu.. „Dann hab ich Melchior in Frankfurt wiedergetroffen, der mich mit seinen unternehmerischen Plänen mitgezogen hat. Und dann haben wir mit Photovoltaik angefangen“, erzählt Thorenz.

Schlüsselfertige Photovoltaik-Anlagen

Die Idee, ins Geschäft mit erneuerbaren Energien einzusteigen, kommt aus einer familiären Anfrage für ein Solardach. „In den fünf Angeboten waren einige chinesische Modelle und wegen meiner Asien-Aufenthalte wurde ich nach meiner Meinung gefragt. Ich habe mich dann reingearbeitet und gesehen, dass Photovoltaik ein attraktiver Markt ist, es aber Ineffizienzen gibt“, sagt Schulze Brock und berichtet über das Geschäftsmodell: Enviria arrangiert Solaranlagen auf Gebäude-Dächern – zum einen für Privathäuser, zum anderen für Gewerbeimmobilien wie etwa Industriehallen, Logistik-Center oder landwirtschaftliche Stallgebäude. Private Häuslebauer können sich von Enviria ein Solardach konzipieren und schlüsselfertig bauen lassen. „Wegen der gesetzlich gesicherten Einspeisevergütung ist das immer noch ein lohnenswertes Investment für Privathaushalte, die sich für den Klimaschutz engagieren wollen“, so Thorenz.

Dach-Verpachtung durch Unternehmen

Besonderes Potenzial steckt indes in den Gewerbe-Projekten. Beispiel: ein Logistiker baut sein neues Frachtzentrum und will die riesigen Dachflächen mit einer Solaranlage ausstatten – aber zugleich freie Liquidität lieber ins operative Geschäft stecken. In dieser Situation kann der Logistiker die Dachflächen für 20 Jahre mit Verlängerungsoption in verschiedenen Ausgestaltungen an Enviria verpachten. Enviria wiederum gewinnt einen privaten Investor, der die Solar-Anlage durch Eigenkapital (meist 20%) und Fremdkapital (meist 80%) finanziert und sie per Betriebsführungsvertrag durch Enviria betreiben lässt. Zudem baut Enviria die Anlage schlüsselfertig. „Unser Prinzip lautet dabei: ein Projekt, ein Investor. Der Gebäude-Eigentümer hat es also nie mit einem Konsortium, sondern mit einem einzigen Anleger zu tun, der privat oder über eine neu gegründete GmbH & Co. KG in die Solaranlage mindestens 100.000 Euro investiert“, berichtet Thorenz. Enviria bringt beide Seiten zusammen, kümmert sich um Formalien wie Netzanfragen und setzt nach Abschluss des Pachtvertrags das Projekt innerhalb von sechs Monaten mit eigenem Personal um.

Attraktive Rendite, erfahrene Investoren

„Die Bandbreite unserer Investoren reicht vom Bankvorstand über den Wirtschaftsanwalt bis hin zum Arzt. Wir stellen durch persönliche Gespräche und Recherchen sicher, dass jeder von ihnen Erfahrung mit Solar-Investments hat“, betont Schulze Brock und verweist auf das erforderliche Vertrauensverhältnis angesichts der langfristigen Bindung. Für die Investoren lohnt sich das Modell, weil die jährliche Gesamtkapital-Rendite zwischen drei und vier Prozent liegt – konservativ gerechnet, völlig eigenverbrauchsunabhängig und ohne dass Strompreis-Steigerungen einkalkuliert sind. Lohnenswert für die Gebäude-Eigentümer wiederum ist die Verpachtung der Dachflächen wegen der langfristig planbaren Pachteinnahmen. Zudem kann der produzierte Solarstrom zu einem vertraglich auf 20 Jahre festgelegten Preis abgenommen werden. „Und natürlich ist das Ganze ein sichtbares Engagement für den Klimaschutz. Die CO2-Vorteile der Anlage werden dem Gebäude gutgeschrieben“, sagt Thorenz. Enviria steigt dem Gebäude-Eigentümer im besten Sinne des Wortes aufs Dach und kümmert sich um Bau und Wartung. Dazu muss im Grundbuch in Abteilung 2 eine persönlich beschränkte Dienstbarkeit vorrangig zur Grundschuld für die gesamte Pachtdauer eingetragen sein, damit die Struktur insolvenzfest ist. Gegen eine Insolvenz von Enviria sind die Vertragspartner durch Bankgarantien geschützt.

Selbstmotivation als Unternehmer

Mit diesem Geschäftsmodell und einem eigenen, in Ostdeutschland ansässigen Team aus Handwerkern hat Enviria zahlreiche Solar-Anlagen vor allem in Süddeutschland realisiert. Dabei war das Umsatteln von Bank auf Bau anfangs nicht leicht: „Zuerst hatte ich überhaupt keine Kreativität dafür, Dinge umzusetzen, mit denen ich mich eigentlich gar nicht auskannte. Damals habe ich nur Probleme gesehen. Mit der Zeit aber bin ich in die Aufgaben hineingewachsen“, schmunzelt Thorenz über sich selbst.  „Hinzu kam, dass wir in den ersten 18 Monaten null komma null Euro verdienten. Da muss man sich jeden Tag aufs Neue motivieren, um weiterzumachen und nicht die Nerven zu verlieren. Dabei hat uns geholfen, dass wir uns im Team gegenseitig angespornt und nie die Hoffnung verloren haben. Was uns stark macht, sind unsere verschiedenen Skillsets: eine gute Mischung aus Kreativität, Analytik, Vision und Realitätssinn“, betont Schulze Brock.

Bootstrapping als Erfolgsbasis

Als Erfolgsfaktor sehen die beiden Gründer auch, dass sie keinerlei externe Kapitalgeber an Bord genommen haben. Keine Finanzierungsrunden, keine Gründerkredite. „Einige Freunde haben uns am Anfang finanziell unterstützt. Zugleich haben wir versucht, die Kosten so niedrig wie möglich zu halten: kein Firmenwagen und nur Home Office.  Zum ersten Projekt in der Pfalz sind wir mit einem alten roten Renault Clio gefahren und haben weit abseits vom Projekt geparkt, um den Investor nicht zu verschrecken“, lacht Thorenz.

Positive Grundeinstellung wichtig

In der Retrospektive waren die Anfänge von Enviria trotz aller Schwierigkeiten auch persönlichkeitsbildend. „Was mich immer getragen hat, war die Freiheit und dass Du Du selbst sein kannst. Das war für mich befreiend und hat mich weit glücklicher als in der Bank gemacht“, so Thorenz und Schulze Brock ergänzt: „Am Anfang haben viele Kollegen gesagt: wie dumm bist du, Deinen guten Job hinzuschmeißen? Aber wenn Du aus dem Hamsterrad rauskommen und nicht nur auf die nächste Bonusrunde warten willst, dann musst etwas riskieren und eine positive Grundeinstellung haben: irgendwas geht immer.“ Dabei sei es gerade für Kopfarbeiter schwierig, neue Wege mit ungewissem Ausgang zu gehen.

Mit verschiedensten Typen umgehen

Große Unterschiede zwischen Finanzwelt und Unternehmertum sehen die beiden auch in Typen und Entscheidungsstrukturen: „In der Bank haben wir immer den gleichen Schlag Mensch getroffen. Jetzt hingegen haben wir es mit einer Vielzahl an verschiedenen Typen zu tun: vom Investor über Vermittler bis hin zu Architekten und Monteuren. jedem sprechen zu können. Das Gute: wir können so sein, wie wir sind“, erinnert sich Schulze Brock. Hinzu komme, dass man als Unternehmer permanent Entscheidungen treffen müsse und erst hinterher wisse, ob man richtig gelegen hat. Dieses Risiko könne man – anders als in der Bank – auf niemanden verlagern, so Schulze Brock: „Denn als Unternehmer bist Du für jeden Fehler ultimativ verantwortlich.“

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