Es ist das Jahr 2002, als Dr. Gunjan Bhardwaj im indischen Mumbai einen Bohnensitzsack als innovatives Möbelstück auf den Markt bringt und damit während seines Studiums das erste Geld verdient. Heute sitzt er im hessischen Eschborn und baut erfolgreich ein international agierendes Unternehmen im Bereich künstlicher Intelligenz für Pharma- und Finanzkonzerne auf. Wie er es dazu gebracht hat, und warum der unerschütterliche Glaube an die eigenen Fähigkeiten entscheidend ist, schildert der „indische Schwabe“ exklusiv für manage:preneur.

Ein Achtstundenflug aus New York liegt hinter ihm, der Markteintritt in den USA ist vollzogen. „Wir haben in Hoboken gerade ein Büro mit drei Mitarbeitern eröffnet und von Merck unseren CEO für Amerika gewinnen können“, berichtet Gunjan Bhardwaj stolz und schiebt nach: „Wir sind ganz bewusst  nicht direkt nach Manhattan gegangen.“ Denn auf Statussymbole kommt es dem Gründer und CEO der Innoplexus AG nicht an. Im Gegenteil: der Weg zum Erfolg hat für ihn und sein Team über  Selbstdisziplin, Zuversicht und unbedingten Fokus auf Kundenbedarfe geführt.

Was Innoplexus macht

Innoplexus stellt digitale Plattformen bereit, mit denen sich große Datenmengen aus verschiedenen strukturierten und unstrukturierten Quellen – auch „Big Data“ genannt – analysieren und visualisieren lassen. Hierbei kommen modernste Methoden des maschinellen Lernens, der natürlichen Sprachverarbeitung und der künstlichen Intelligenz zum Einsatz. Diese ermöglichen, dass hunderte Terabyte Daten in Echtzeit in einen für die jeweilige Fragestellung des Unternehmens relevanten Zusammenhang gestellt werden und wichtige von unwichtigen Informationen unterschieden werden. Unternehmen können diese öffentlich zugänglichen Daten noch mit eigenen Daten kombinieren, um neue Zusammenhänge zu erkennen, schneller die richtigen Antworten zu erhalten und so besser fundierte Entscheidungen zu treffen. In der Praxis funktioniert das so: ein Arzt sondiert für einen Patienten die passende Therapie. Dazu greift er via Innoplexus in Echtzeit auf die allerneuesten Fachinformationen über bewährten Therapien für das konkrete Krankheitsbild zu, die automatisiert sowohl aus Datenquellen der eigenen Klinik als auch aus verschiedensten Datenbanken aggregiert werden. So kommen dem Patienten neben der Erfahrung des Arztes die neuesten Erkenntnisse von Medizinern und Wissenschaftlern aus aller Welt zugute.

Wie es zu dem Geschäftsmodell kam

„Die Idee zu Innoplexus entstand, als ein guter Freund und Mentor von mir vor einigen Jahren an Krebs erkrankte. Da merkten wir, wie begrenzt die Möglichkeiten für Privatpersonen sind, auf fundiertes und verständliches medizinisches Wissen zuzugreifen. So fühlt man sich als Patient oder Angehöriger doch recht hilflos, wenn man alternative Therapien ansprechen oder auf Basis von Forschungsgebieten oder Therapieerfolgen eine Zweitmeinung einholen möchte“, erinnert sich Dr. Bhardwaj. In dieser schweren Zeit wurde die Geschäftsidee geboren, ein digitales System zu schaffen, das Antworten auf medizinische Fragen gibt und damit Informationen demokratisiert. Dass er und sein Mitgründer Gaurav Tripathi keine Ärzte sind, tat dem Vorhaben keinen Abbruch. Beide hatten während des gemeinsamen Studiums an dem renommierten IIT Mumbai bereits ein Start-up gegründet. „Unser Professor, der uns motiviert hatte, Bohnensitzsäcke zu produzieren, hat uns gelehrt, dass die wesentlichen Erfolgsfaktoren für eine Unternehmensgründung Zuversicht und Selbstvertrauen sind. Wir waren damals schon überzeugt, dass wir alles erreichen können. Man muss es nur wollen und machen.“ Mittlerweile arbeiten 170 Menschen in Indien, Deutschland und USA für Innoplexus, darunter etwa 20 Mediziner. Das Unternehmen arbeitet für bekannte Konzerne aus der Pharmabranche.

Was den Unternehmer antreibt

Dass er Unternehmer geworden ist, war schon früh absehbar und „nur eine Frage der Zeit“. In seinem Jugendzimmer hingen damals zwei Poster: eines von Steve Jobs und eines von Lakshmi Mittal. Und genau deren Stile haben ihn inspiriert. „Zum einen ist es der Wille, bestehende Strukturen aufzubrechen und fundamental zu verändern – so, wie es Steve Jobs mit Apple gemacht hat. Zum anderen war es uns wichtig, aus eigener Kraft zu starten – auch wenn es vielleicht einfacher gewesen wäre mit, Kapital von Investoren zu beginnen. Gaurav und ich wollten uns erst selbst beweisen, dass das Geschäftsmodell valide ist, bevor wir Externe an Bord holen“. Deshalb hat er Innoplexus nach dem Vorbild von Mittal „gebootstrapped“, also ohne Investoren oder Kreditgeber das Geschäft über fünfeinhalb Jahre aufgebaut. Erst Ende 2016 wurde mit der deutschen HCS Venture Capital ein neuer Gesellschafter aufgenommen.

Welche DNA hat Inn0plexus?

Mit der ersten Finanzierungsrunde hat sich bei Innoplexus einiges geändert. Die Arbeit an neuartigen Software-Lösungen hat sich intensiviert, es gibt 17 Patentanträge und weitere 40 in der Pipeline. Neue Mitarbeiter sind hinzugekommen – insbesondere international erfahrene Manager und Branchenspezialisten. Und das Team wächst weiter. „Das Kapital und die strategische Begleitung durch unseren Investor helfen uns, das Geschäftsmodell zu skalieren. Dabei unterscheiden wir intern zwischen Exploitation –   die Arbeit im Tages- und Projektgeschäft einerseits – und der Exploration mit dem kreativen Entwickeln neuer Lösungen andererseits“, so Dr. Bhardwaj. Unverändert geblieben ist die Einstellung zu Geld: Das gesamte Team fliegt ausnahmslos Economy Class und investiert wird konsequent nur dort, wo es das Geschäft voranbringt. „Wir könnten unser Büro auch in der Frankfurter Innenstadt haben, aber hier in Eschborn ist es preisgünstiger., Hier können wir eine Infrastruktur schaffen, die es uns ermöglicht, immer wieder Kollegen aus Indien mehrere Wochen als Gäste zu haben, um gemeinsam Kundenprojekte voranzutreiben“. Unternehmerisches Denken, Fokus auf Effizienz und Empathie der Teammitglieder – und das schließt die Investoren ein –  sind aus Sicht von Dr. Bhardwaj entscheidende Bestandteile der DNA von Innoplexus. Hartes Arbeiten ist die Grundvoraussetzung für den Erfolg: „There’s no short-cut to success“, und dann muss Glück natürlich noch hinzukommen.

Was zum Erfolg geführt hat

Geholfen hat Dr. Bhardwaj und seinen Mitstreitern zudem der klare Fokus auf Kundenbedarfe und das schnelle Testen von Geschäftsansätzen. „You have to try fast and fail fast“, stellt er prägnant fest. Wichtig sei gerade im Software-Bereich ein schneller Prototyp mit einer Projektdauer von drei bis sechs Wochen und die rasche Verprobung beim Kunden. So kann man mit geringem Risiko feststellen, ob eine Idee „fliegt“. Gerade für die Entwicklung künstlicher Intelligenz ist Lernen wichtig, daher arbeitet man viel mit „use cases“. Als Unternehmer muss man aus Fehlern lernen und sie am besten schon frühzeitig erkennen. Dazu wird bei Innoplexus ein intensiver Erfahrungsaustausch gepflegt mit einer 14-tägigen Überprüfung des Business Status für jedes einzelne Projekt.

Wie Innoplexus aufgebaut wurde

Der Weg ins Unternehmertum hat auch für Dr. Bhardwaj über Angestellten-Tätigkeiten geführt. Nach seinem Master-Abschluss arbeitete er zunächst für die Wirtschaftsprüfung Ernst & Young und daraufhin für die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Dort fiel er schon mit 21 Jahren als umtriebig und rastlos auf. „Ich habe ständig meine eigenen Grenzen ausgelotet und man hat mir schnell die Chance gegeben, ein Competence Center in Indien sowie ein Global Business Performance Think Tank aufzubauen“, blickt Bhardwaj zurück. Doch limitiert waren damals seine Möglichkeiten, Visionen umzusetzen. Daher baut er parallel unternehmerische Aktivitäten auf und wagt den Sprung in die Selbstständigkeit, als er einen ersten großen Kunden gewinnt. „Nach meinem Eindruck denken viele: Man gründet zuerst und macht sich dann auch die Suche nach dem ersten Kunden. Nach eigener Erfahrung ist es aber deutlich erfolgversprechender, wenn man schon neben einer Angestellten-Tätigkeit die Vorbereitungen trifft – hierzu gehören auch erste Gespräche mit potentiellen Kunden, um das eigene Geschäftsmodell zu manifestieren.“

Wie es weitergeht

Nach den bisherigen Erfolgen im Gesundheitssektor will Bhardwaj mit seinem Team nun auch andere Branchen erschließen, die konstant ihre Prozesse bewerten und verbessern müssen, um mit der hohen Veränderungsgeschwindigkeit ihrer Industrie weiterhin mithalten zu können. Dazu gehört vor allem das Finanzwesen, wo sich beispielsweise der KYC-Prozess (Know-your-customer) bei der Aufnahme neuer Kunden mittels künstlicher Intelligenz automatisieren lässt. Ein anderes Feld ist die Regulatorik in der Finanzbranche. Hier kann Innoplexus es den Banken leichter machen, sich in MiFID II & Co. zurecht zu finden – mit selbstlernenden Systemen, die das Finanzdeutsch verstehen und in Echtzeit die erforderlichen Daten und Informationen bündeln. So soll es Unternehmen ermöglicht werden, in Märkten mit hohem Wettbewerbsdruck bestehen zu können.

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