Die Energiebranche befindet sich im Umbruch. Immer mehr Verbraucher erzeugen ihren eigenen Solarstrom und wollen ihn selbst vermarkten. Zugleich wächst die neu installierte Leistung jedes Jahr massiv, weil die Preise für Solarstrom aus Photovoltaik kontinuierlich sinken. Was dies für die klassischen Energieversorger bedeutet und wie sie ihre Transformation mithilfe digitaler Lösungen aktiv gestalten können, schildert Dr. Jürgen Reinert, Vorstandsmitglied (CTO/COO) der börsennotierten SMA Solar Technology AG exklusiv für manage:preneur.

Herr Dr. Reinert, inwiefern befindet sich der Energiemarkt derzeit im Wandel?

Reinert: Wir sehen eine zunehmende Dezentralisierung – Consumer werden zu Prosumern, das heißt immer mehr Stromverbraucher erzeugen ihren eigenen Strom und werden sich künftig untereinander stärker vernetzen. Das eröffnet neue Möglichkeiten auch mit Blick auf Blockchain Technologien. Zugleich ist Strom aus Photovoltaik-Anlagen gerade in Sonnenregionen der Welt mittlerweile so kostengünstig wie keine andere Energieart. Denn jedes Jahr kommen derzeit global etwa 100 Gigawatt neu installierte Leistung hinzu – das entspricht der Leistung von etwa 100 konventionellen Kraftwerken. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass sich die jährlich neu installierte Leistung in den nächsten 20 Jahren verzehnfacht.

Woran liegt dieses starke Wachstum?

Reinert: Hintergrund ist neben den immer weiter sinkenden Kosten für die Photovoltaik, dass der Strombedarf weltweit deutlich steigen wird, weil mehr E-Fahrzeuge auf den Straßen fahren und Gas- bzw. Ölheizungen in Gebäuden künftig verstärkt durch Stromheizungen ersetzt werden. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für digitale Energielösungen.

Wie lässt sich Energie digitalisieren?

Reinert: In jeder Photovoltaik-Anlage gibt es mindestens einen Wechselrichter, der den Gleichstrom aus den Modulen in haushaltsüblichen Wechselstrom umwandelt und die gesamte Anlage steuert. Daher sind Wechselrichter die perfekten Sensoren, um Daten zu sammeln, beispielsweise über die Stromerzeugung im Tagesverlauf. Mithilfe dieser Daten lässt sich die Stromproduktion prognostizieren, der Eigenverbrauch von kostengünstigem Solarstrom erhöhen und der Stromverbrauch steuern. Dadurch können Haushalte und Unternehmen ihre Energiekosten deutlich senken. In Supermärkten beispielsweise, wo Stromkosten hinter dem Personalaufwand den größten Kostenblock bilden, kann mit digitalen Lösungen im zweistelligen Prozentbereich gespart werden.

Weil man weiß, wie viel Strom durch was wann verbraucht wird?

Reinert: Ja – denn in jedem Supermarkt gibt es einen hohen Strombedarf unter anderem durch Kühlregale. Wenn man den Verbrauch digitalgestützt analysiert hat, kann man dort zum Beispiel für einzelne Bereiche ein größeres Temperatur-Band wählen, also nicht exakt minus 20 Grad, sondern z.B. zwischen minus 15 und minus 25 Grad. Mit guter Isolierung können die Kühlkammern dann nachts mit geringem Stromverbrauch kühl gehalten werden und tagsüber mit günstigem Strom aus der Photovoltaik-Anlage wieder weiter heruntergekühlt werden. Zudem lassen sich vorhandene Kühlaggregate mit digitaler Hilfe effizienter nutzen oder thermische Speicher um elektrische Speicher auf Basis des Lastbedarfs gezielt ergänzen.

Aber Kühlregale repräsentieren im Supermarkt ja nur einen Teil des Stromverbrauchs…

Reinert: Richtig – mit digitalen Plattformen lässt sich ganzheitliches Energiemanagement über alle Energiesektoren hinweg betreiben, also Beleuchtung, Heizung, Lüftung, Kälte, Kühlung, Speicher und Elektromobilität. Genau dafür haben wir bei SMA die Plattform ennexOS entwickelt. Damit lässt sich zum einen der Verbrauch und zum anderen die Erzeugung über Photovoltaik- oder Windkraftanlagen und Netzbezug gesamthaft analysieren und steuern.

Was bedeutet diese Entwicklung für Energieversorger?

Reinert: Wenn – wie eingangs erwähnt – Consumer immer mehr zu Prosumern werden und die dezentrale Stromerzeugung voranschreitet, brechen Stadtwerken und privaten Energieversorgern sukzessive ihre traditionellen Geschäftsmodelle weg. Wir sehen schon jetzt, dass neue Anbieter auf den Markt drängen,  die den Prosumern innovative Angebote zur effizienten Nutzung und Vermarktung ihres selbst erzeugten Stroms machen. Die klassischen Energieversorger sollten diesen Wandel aktiv gestalten, indem sie ihren Kunden eigene Lösungen für die neue Energiewelt bieten.

Ist das der Grund, weshalb SMA kürzlich das Start-up „coneva“ gegründet hat?

Reinert: Ja – coneva bietet auf Basis der von SMA entwickelten Plattform ennexOS einen White-Label-Lösungsansatz für Energieversorger, Wohnungsbaugesellschaften oder Telekommunikationsunternehmen (Anm.: siehe Artikel in „Einblicke“). Damit können sie unter ihrem Namen ein Tool für Firmen- und Privatkunden einsetzen, das Erzeugung und Verbrauch über alle Energiesektoren hinweg energiewirtschaftlich optimiert und entscheiden hilft, wann der Strom gespeichert und wann er verbraucht werden sollte. Dafür werden Stromerzeuger und Stromverbraucher miteinander vernetzt. Außerdem erlaubt das Tool die Einbindung in den Energiehandel. Neben der Direktvermarktung von überschüssigem Solarstrom aus größeren Anlagen an der Energiebörse ist auch  der so genannte Peer-to-Peer-Handel möglich. Das heißt: der Prosumer kann darüber seinen selbst erzeugten Strom lokal verkaufen.

Wie passt das mit dem bisherigen Geschäft von SMA zusammen?

Reinert: Über coneva sprechen wir völlig neue Kundengruppen an, die wir mit SMA bisher nicht im Fokus hatten und bieten ihnen direkt auf ihre Bedürfnisse maßgeschneiderte digitale Energiedienstleistungen an. Diese basieren wiederum auf den Daten, der Erfahrung und den technischen Lösungen von SMA. Es handelt sich also um komplementäre Geschäftsmodelle, die miteinander verknüpft werden können, wenn es zum Nutzen des Kunden ist.

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Die SMA Gruppe ist mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Euro im Jahr 2016 Weltmarktführer bei Photovoltaik-Wechselrichtern, einer zentralen Komponente jeder Solarstromanlage. SMA bietet ein breites Produkt- und Lösungsportfolio an, das einen hohen Energieertrag für solare Hausdachanlagen, gewerbliche Solarstromanlagen und große Solarkraftwerke ermöglicht. Zur effizienten Steigerung des PV-Eigenverbrauchs kann die SMA Systemtechnik einfach mit unterschiedlichen Batterietechnologien kombiniert werden. Intelligente Energiemanagement-Lösungen, umfangreiche Servicedienstleistungen sowie die operative Betriebsführung von Solarkraftwerken runden das Angebot von SMA ab. Hauptsitz des Unternehmens ist Niestetal bei Kassel. SMA ist in 20 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit mehr als 3.000 Mitarbeiter, davon allein 500 in der Entwicklung. Die mehrfach ausgezeichnete Technologie von SMA ist durch über 1.000 Patente und eingetragene Gebrauchsmuster geschützt. Die Muttergesellschaft SMA Solar Technology AG ist seit 2008 im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse (S92) notiert und aktuell als einziges Unternehmen der Solarbranche im TecDAX gelistet.

 

Dr.-Ing. Jürgen Reinert (*1968) ist seit April 2014 Mitglied des Vorstands und stellvertretender Vorstandssprecher der SMA Solar Technology AG. Seit Januar 2016 verantwortet er die Ressorts Operations, Entwicklung sowie die Business Units. Zudem ist er für die Kooperation mit Danfoss verantwortlich und Mitglied des Aufsichtsrats der Danfoss A/S. Dr. Reinert begann nach seinem Studium der Elektrotechnik in Südafrika und der Promotion am Institut für Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe (ISEA) in Aachen seine Karriere als Oberingenieur am selben Institut. Von 1999 bis 2011 war er in Schweden bei der Firma Emotron tätig, in den letzten Jahren als Geschäftsführer der Gruppe mit Verantwortung für Technology und Operations. Von 2011 bis 2014 verantwortete er als Executive Vice President Technology die Division Power Plant Solutions bei SMA. Unter seiner Leitung hat SMA das weltweite Projektgeschäft erfolgreich ausgebaut und schlüsselfertige Systemlösungen für solare Großkraftwerke entwickelt.

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