Wann immer er durch die Eingangshalle von SMA Solar in Kassel-Niestetal läuft, kann Dr. Jürgen Reinert auf einer digitalen Deutschlandkarte sehen, wie viel Solarstrom gerade wo produziert wird. In Echtzeit. Möglich machen es Daten, die in etwa 1,5 Millionen weltweit im SMA Onlineportal registrierten Solar-Wechselrichtern gesammelt werden. Diese Daten sind wichtig für die digitale Zukunft der Energieversorgung und die Transformation einer ganzen Branche.

Seit Jahren sinken die Stromerzeugungskosten im Photovoltaik-Bereich rasant. „Schon in wenigen Jahren wird Photovoltaik weltweit die günstigste Stromquelle sein“, berichtet Dr. Jürgen Reinert. Er ist stellvertretender Vorstandssprecher mit Verantwortung Technologie und Operations der SMA Solar Technology AG, dem Weltmarktführer für Photovoltaik-Systemtechnik. Der Konzern erzielt mit mehr als 3.000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa 900 Millionen Euro, ist seit dem Jahr 2008 im TecDax gelistet und entwickelt sich gerade weiter zu einem digitalen Energiedienstleister.

Immer schon eine Firma im Wandel

Vor diesem Hintergrund wurde erst vor kurzem ein Bereich mit 300 Mitarbeitern innerhalb weniger Monate komplett neu aufgestellt. „Niemand hat seinen Job verloren, aber viele machen heute etwas anderes als vorher. So etwas gehört für uns seit jeher zur Normalität: sich verändern, flexibel sein und es bleiben. Nicht auf dem Erreichten ausruhen und der Organisation nicht das Gefühl geben, dass es immer so wie bisher weitergeht. Wir bei SMA sind immer schon eine Firma im Wandel gewesen“, betont Reinert. Noch vor zwei Jahren haben über 80 Prozent der Entwicklungsingenieure an Wechselrichtern gearbeitet; heute sei bereits ein Drittel mit anderen Produkten befasst – weg von der Regelungstechnik, hin zur Softwareentwicklung und Energiedaten.

So wenig Vorgaben von oben wie möglich

Sich als Organisation permanent verändern zu können, erfordert eine bestimmte Kultur. Was aber genau ist es, das SMA Solar zu einem wandlungsfähigen Unternehmen gemacht hat? Reinert ist überzeugt, dass es dazu vor allem auf die Rolle des Managements ankommt. „Bei uns meint nicht  der Chef immer zu wissen, wie es am besten geht. Wir haben sehr kompetente Mitarbeiter, und auf die setzen wir auch. Dieses Prinzip zieht sich durch alle Bereiche. Natürlich geht es nicht ohne Regeln. Aber wir geben so wenig wie möglich von oben vor, gewähren große Freiheiten und setzen auf die Schwarmintelligenz unserer Mitarbeiter“, erzählt Reinert. „Denn in der Digitalwelt weiß keiner allein, was in fünf Jahren sein wird.“ Zudem fördere SMA Solar ihre Führungskräfte darin, zwischen Funktionen und Regionen zu wechseln und auf diese Weise beweglich zu bleiben.

T-Shaped Professionals im Fokus

Um eine solche Kultur und eine wandlungsfähige Organisation zu schaffen, braucht es Manager-Typen mit einer bestimmten Haltung: Persönlichkeiten, die intern Netzwerke bilden und extern Partnerschaften auch auf internationaler Ebene eingehen wollen. Denen Machtgehabe, politisches Taktieren, Statusorientierung, hierarchisches Denken und bürokratisches Verhalten fernliegen. Die neben fachlicher Tiefe vor allem über eine breite Qualifikation im Sinne eines T-Shaped Professional verfügen und das Gesamtsystem verstehen. „Auf diese Dinge achten wir bei Besetzungen, fördern und fordern entsprechend“, sagt Reinert und hebt hervor, dass SMA Solar stets darauf bedacht ist, den Geist eines jungen und dynamischen Unternehmens zu bewahren.

Konzerneigenes Start-up gegründet

Diesen Spirit atmet auch der jüngste Schritt, den SMA Solar zur digitalen Transformation rund 500 Kilometer weiter südlich gegangen ist: In München wurde Anfang 2018 weitab von der Konzernzentrale das Start-up „coneva“ aus der Taufe gehoben. Der Ansatz in Kurzform: Auf Basis der von SMA entwickelten Energiemanagement-Plattform ennexOS versetzt coneva beispielsweise Stadtwerke in die Lage, unter eigener Flagge für deren Kunden den Verkauf von selbst produziertem Solarstrom zu ermöglichen. Zudem lässt sich mit der Software der Energieverbrauch von Gebäuden über alle Energiearten hinweg analysieren, gezielt steuern und letztlich auch entscheiden, ob die Anschaffung einer Photovoltaik-Anlage sinnvoll ist. An der Stelle kommt dann wieder SMA Solar mit ihrem Kerngeschäft ins Spiel.

Konzernnähe und große Freiheit kombiniert

Gestartet ist coneva im Januar 2018 mit etwa 10 Mitarbeitern. Die Zusammenarbeit zwischen Zentrale und Start-up läuft dabei ganz im Kasseler Stil: große Freiheit – auch wenn es sich um eine Tochtergesellschaft handelt. „Wir haben zahlreiche Modelle im Markt angeschaut und uns entschlossen, dass wir die Nähe haben wollen. Zugleich ist es wichtig, dass der Start-up Charakter bewahrt wird. Deshalb kann coneva in einem grob festgelegten Rahmen mit einigen Hygienefaktoren frei agieren. Wir zwängen nichts auf und lassen dem Team große Spielräume: ob man auf HR oder den Einkauf zugreift und welche Kunden angesprochen werden, kann coneva selbst entscheiden“, berichtet Reinert. Vorteilhaft sei es für das Start-up, dass es sich nicht erst alles in Eigenregie erarbeiten muss. In diesem Ansatz stecke reichlich Potenzial, um neues Digitalgeschäft mit Stadtwerken, Wohnungsbaugesellschaften und großen Firmenkunden zu generieren.

Innovation mit unabhängiger Vorentwicklung

Parallel treiben Reinert und seine Vorstandskollegen auch in Kassel die Innovation weiter voran. „Ungefähr zehn Prozent unseres Umsatzes stecken wir jedes Jahr in Research & Development, wobei das ‚R‘ beim R&D nicht zu kurz kommt, weil die Vorentwicklung unabhängig agiert. So finden Sie bei uns Mitarbeiter, die sich schon vor fünf Jahren mit Solar Coins befasst haben“, hebt Reinert hervor und verweist darauf, dass Blockchain im Energiesektor eine zunehmend wichtige Rolle spielen könne. Um neue Entwicklungen auch in angrenzenden Bereichen frühzeitig zu erkennen, hat man eine Trendscout-Agentur engagiert. „Die erklären uns aber nicht, wie die Welt tickt, sondern geben uns Impulse.“ Denn letztlich gilt auch hier: nicht einer allein kann alles wissen, sondern die effektive Nutzung kollektiver Intelligenz ist der Schlüssel zum Erfolg im digitalen Zeitalter.

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