Blockchain – ein Begriff, der aktuell branchenübergreifend für Aufsehen sorgt. Denn dieser neuen Technologie wird Potenzial für massive Umwälzungen nachgesagt, weil sie etablierte Prozessabläufe grundlegend vereinfacht, Intermediäre überflüssig werden lässt und Eigentumsrechte neu definiert. Um dies greifbarer zu machen, beleuchtet manage:preneur in einer Interview-Serie die konkreten Auswirkungen auf verschiedene Branchen – in dieser Ausgabe gehen die Blockchain-Experten Prof. Dr. Philipp Sandner und Constantin Lichti von der Frankfurt School of Finance & Management auf die Chancen für den Automobilsektor ein.

Nach einer Bitkom-Studie aus dem Herbst 2017 ist Blockchain im Automobilsektor weitgehend unbekannt. Gerade einmal ein Drittel der OEM und Zulieferer hat bislang von der Blockchain als Technologie für den Unternehmenseinsatz gehört. Gut jedes vierte Unternehmen sieht bislang auch keine Notwendigkeit, diese Technik zu nutzen. Ist das ein großer Fehler?

Sandner: Beim Thema Blockchain handelt es sich um eine Schlüsseltechnologie, die in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren viel verändern wird. Diese Technologie wird der Reihe nach diverse Branchen beeinflussen, weshalb sich auch Unternehmen aus dem Automobilsektor intensiv damit auseinandersetzen sollten. Entgegen der Bitkom-Studie gibt es auch schon einige Start-ups und ebenso große Konzerne wie Daimler und BMW, die in Pilotprojekten das Anwendungspotenzial der Blockchain-Technologie untersuchen. Das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) erarbeitet zudem mit Industriepartnern, KMUs und Start-ups auch aus der Automobilbranche Prototypen für die Anwendung Blockchain-basierter Geschäftsmodelle.

In welchen Bereichen von Automotive sehen Sie konkrete Ansatzpunkte für Blockchain?

Sandner: Dezentralität spielt dabei im Ökosystem Mobilität eine zunehmend an Bedeutung gewinnende Rolle. Hier können insbesondere die Bereiche autonomes Fahren und Shared Mobility Services mit Hilfe der Blockchain von einer dezentralen, sicheren und transparenten Datenspeicherung und -nutzung profitieren.

Diejenigen Automobilunternehmen, die sich bereits mit Blockchain befassen, sehen die größten Anwendungschancen in der Logistik und Warenwirtschaft. Inwiefern können dort Blockchain-Anwendungen zum Einsatz kommen?

Sandner: Die Blockchain-Technologie wird ein wichtiges Element sein, um Ökosysteme zu erzeugen, in denen die beiden Bereiche der Leistung und des Zahlungsprozesses künftig verschmelzen. Somit spielt auch die Logistik eine große Rolle, wo auf der einen Seite Güter transportiert werden und auf der anderen Seite Zahlungen abgewickelt werden.

Welche Beispiele aus der Praxis gibt es dafür?

Sandner: IBM und Maersk haben beispielsweise eine Blockchain-Lösung entwickelt, die es ermöglicht, dass alle Teilnehmer einer Logistikkette aufgrund eines sicheren und transparenten, dezentral abgespeicherten Datenregisters den aktuellen Status und Fortschritt einer Lieferung einsehen und in Echtzeit tracken können. Smart Contracts als computergenerierte Verträge wickeln schließlich bei Eingang der Ware automatisiert die Zahlung in Form einer Kryptowährung ab. Die Blockchain-Technologie kann also auch im stetig wachsenden Logistiknetzwerk der Automobilindustrie als Basis für jederzeit nachverfolgbare Lieferketten zum Einsatz kommen. Während die Blockchain für alle an der Lieferkette Beteiligten transparentes Monitoring ermöglicht, können mit Hilfe von Smart Contracts Zahlungsprozesse ohne bürokratischen Aufwand und mit geringen Transaktionskosten direkt durchgeführt werden.

Aber auch in der Produktion sowie Forschung und Entwicklung werden Einsatzmöglichkeiten gesehen. Worin könnten diese konkret liegen?

Lichti: Moderne Serienfahrzeuge produzieren teilweise bis zu 25 GB Daten pro Stunde. Dieser erhebliche Anstieg an Datenmengen ist auch in Verkehrssteuerungssystemen und Logistikprozessen zu erkennen und sowohl für Entwickler autonomer Fahrsysteme als auch für Versicherungen und Shared Mobility Services von Interesse. Dadurch entstehen neue digitale Geschäftsmodelle, die auf Basis der Blockchain-Technologie neue dezentrale Datenmärkte im Mobilitätssektor bilden können – ohne zentrale Plattformen wie Fahrdienstleister Uber.

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis geben?  

Lichti: Im Bereich Shared Mobility beispielsweise hat das FSBC gemeinsam mit einem führenden Mobilitätsdienstleister einen Prototyp entwickelt, der das Mieten von Elektrorollern innerhalb eines Peer-to-Peer-Netzwerkes zwischen Privatpersonen mit Hilfe einer Blockchain-basierten App ermöglicht. Innerhalb der Blockchain-Infrastruktur erhalten die Roller eine digitale Identität und machen es somit möglich, dass Endnutzer und weitere Beteiligte wie Parkautomaten oder Tankstellen Zahlungen direkt und ohne zentrale Plattformanbieter überweisen und empfangen können. Das zeigt das Potenzial der Technologie auch im Hinblick auf autonome Fahrsysteme und in Kombination mit IoT-basierten Geschäftsmodellen.

Darüber hinaus wird Blockchain auch mit der Parkraum-Bewirtschaftung in Innenstädten, Verwaltung von Fahrzeugflotten und Bezahlung von Strom für Elektrofahrzeuge in Verbindung gebracht. Was davon ist realistisch?

Lichti: Blockchain ebnet den Weg für dezentrales, transparentes und fälschungssicheres Datenmanagement. Damit bildet die Blockchain-Technologie immer da, wo viele verschiedene Parteien aufeinandertreffen, die sich gegenseitig nicht vertrauen, den größten gemeinsamen Nenner zu geringsten Kosten. Wie bereits zu unserer Prototyp-Entwicklung erwähnt, können digitale Zwillinge von Elektrofahrzeugen auf der Blockchain abgebildet werden, die somit auch geringste Zahlungsbeträge für den Strom autonom und direkt abrechnen können.

Oft hört man auch, dass Automobilunternehmen die unklare rechtliche Situation beispielsweise mit Blick auf den Datenschutz davon abhält, Blockchain zu nutzen. Ist das eine Schutzbehauptung?

Lichti: Ein sicherer rechtlicher Rahmen ist die Grundlage jedes seriösen Geschäftsmodells, insbesondere wenn es sich um Zahlungsvorgänge handelt. Derzeit arbeiten zahlreiche Institutionen an der Ausgestaltung regulatorischer Rahmenbedingungen sowohl für öffentliche als auch für private Akteure im Blockchain Bereich. Deshalb macht es auch Sinn, sich dem Thema Blockchain zunächst in Proof-of-Work Pilotprojekten zu nähern und bei Erfolgsaussichten anschließend einem Konsortium von Interessensvertretern zu präsentieren. Automobilunternehmen, die jetzt das Potenzial der Technologie erforschen, können erhebliche Wettbewerbsvorteile erzielen, bevor Blockchain-Lösungen branchenweit implementiert und angewendet werden.

Abschließend: hat Blockchain aus Ihrer Sicht das Potenzial, den Automobilsektor grundlegend zu verändern?

Sandner: Die Blockchain-Technologie und ihre Anwendungen stecken derzeit noch in den Kinderschuhen. Sowohl Start-ups als auch größere Unternehmen forschen an der Technologie in kleineren Projekten und präsentieren noch keine ausgefeilten Lösungen, die in der Automobilbranche weitgehend anerkannt werden. Zudem arbeitet man noch einem klaren regulatorischen Rahmen, der weitere Innovationen im Blockchain Bereich nicht hemmt, sondern fördert. Das disruptive Potenzial der Blockchain-Technologie ist dabei nicht von der Hand zu weisen und wird durch die Ergebnisse unseres Prototypen-Projekts bestätigt. Die dezentrale Blockchain-Infrastruktur ermöglicht neue datenbasierte Geschäftsmodelle, die im Kontext der Mobilität zahlreiche Prozesse vereinfachen und kosteneffizienter gestalten werden. Ich sehe deshalb großes Potenzial, dass die Blockchain-Technologie die Zukunft unserer Mobilität grundlegend mitgestalten wird.

>> Projekte und Fallstudien:

https://medium.com/@philippsandner/how-we-built-the-future-of-shared-mobility-within-four-weeks-b6b6b39b2f06

https://medium.com/@philippsandner/application-of-blockchain-technology-in-the-manufacturing-industry-d03a8ed3ba5e

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