Wenn Sie heute im Büro den Stecker ziehen oder am Wochenende mit Akkubohrer oder Rasenmäher zu Werke gehen, könnte es durchaus sein, dass Sie mit FRIWO in Berührung kommen. Das börsennotierte Unternehmen aus dem Münsterland stellt Netzteile und Ladegeräte für verschiedenste Branchen her. Nach einer Übernahme in Vietnam befindet sich FRIWO derzeit in einer Transformation, die der neue CEO Rolf Schwirz federführend vorantreibt.

Ostbevern, etwa 30 Autominuten von Münster entfernt: in einem Gewerbegebiet am Ortsrand mitten in der münsterländischen Parklandschaft erheben sich Produktionshallen, in denen etwa 300 Menschen an Akku Packs, Lade- und Netzgeräten sowie LED-Treibern arbeiten. „Unsere Ingenieure befinden sich ständig im engen Austausch mit Firmenkunden, um gemeinsam neue Produkte zu entwickeln oder bestehende zu verbessern“, erklärt Rolf Schwirz und nennt einige internationale Konzerne, die FRIWO beliefert. Der langjährig erfahrene Manager war vormals unter anderem bei Siemens und Oracle tätig und ist seit einem Jahr bei FRIWO. In dieser Zeit sind Umsatz (141 Mio. Euro, +5%) und EBIT (10 Mio. Euro, +52%) deutlich gestiegen; zugleich hat sich die Mitarbeiterzahl von 731 auf 1.939 Beschäftigte vervielfacht. Und das hat seinen Grund.

Neuer Standort in Vietnam: Unglaubliche Energie

Dong Nai, in einem Industriepark nahe Ho Chi Minh Stadt: es wehen die Fahnen von Deutschland, Vietnam und FRIWO. Hinter dem Eingangstor gehen in einem riesigen Komplex aus Werkhallen und Lagerhäusern etwa 1.200 Menschen ihrer Arbeit nach. Im Verlauf des Geschäftsjahres 2016 hat der Vorstand hier eine eigene Fertigung aufgebaut und diese Anfang 2017 durch den Zukauf der dortigen Wandler- und Drosselfertigung ergänzt. „Früher hatten wir neben unserer eigenen Produktion in Ostbevern nur Vertragsfertiger in Asien. Mit diesem Schritt haben wir uns nun unabhängiger gemacht und die Profitabilität deutlich gesteigert“, so Schwirz und berichtet von positiver Resonanz der Firmenkunden, die den neuen Vorzeigestandort besucht haben. „Was mir auch auffällt, ist die Fröhlichkeit und der Erfolgshunger der vietnamesischen Kollegen. Sie arbeiten mit einer unglaublichen Energie und Zielstrebigkeit“, befindet Schwirz.

Unterschwellige Sorge vor Veränderung

Der Aufbau der eigenen Fertigung in Asien geht natürlich nicht spurlos an dem traditionsreichen Unternehmen vorüber, dessen Wurzeln bis in das Jahr 1882 zurückreichen, als noch Benzin-Sicherheitslampen für den Bergbau gefertigt wurden. „Ich glaube, dass alle in Ostbevern sehen, dass unser Standort in Vietnam ein absolutes Asset ist. Ich spüre zugleich eine unterschwellige Sorge bei den deutschen Mitarbeitern, die bisher noch nicht offen adressiert wurde“, schildert Schwirz, der Transformationen und Veränderungsprozesse schon in verschiedenen Branchen und Kulturen erlebt hat. Deshalb arbeitet er mit seinem Management-Team an strukturellen Veränderungen. Dabei steht am Anfang der Dialog mit den Führungskräften und die Bestandsaufnahme mit Unterstützung externer Change Management Berater: wie soll die Zukunft des Unternehmens aussehen – welche Werte, welches Führungsmodell, welche Strategie verfolgt FRIWO? Was zunächst nach einem normalen Vorgang im Großkonzern klingt, muss in einem bodenständigen Umfeld behutsam angegangen werden.

Mehr gedankliche Flexibilität schaffen durch Austausch

Denn Veränderungen in einem mittelständisch geprägten Unternehmen mit langer Tradition und starker Heimatverbundenheit zu bewirken, ist eine große Aufgabe. „Die Identifikation der Mitarbeiter mit FRIWO ist sehr stark. Unsere Leute sind am Erfolg des Unternehmens interessiert und wollen, dass es funktioniert“, stellt Schwirz lobend heraus und verweist dabei auf eine Betriebszugehörigkeit von durchschnittlich 16 Jahren. Viele Mitarbeiter sind bereits seit drei oder vier Jahrzehnten in Ostbevern tätig. Bei aller Loyalität hänge man aber oft noch zu stark am bisher Erreichten. Deshalb wollen Schwirz und sein Vorstandskollege Schimmelpfennig zusammen mit ihrer Führungsmannschaft nun die Flexibilität fördern. „Das beginnt mit kleinen Dingen, indem wir Begegnungsstätten schaffen für informelle Gespräche oder Englisch-Kurse anbieten, um mit den vietnamesischen Kollegen und internationalen Kunden stärker in den Austausch zu gehen. Zudem wollen wir unsere eigene Innovationskraft steigern, aktiv Trends erkennen und unseren Kunden proaktiv Anstöße geben“, so Schwirz. Dabei hat er mit der Beteiligungsgesellschaft VTC den langjährigen Hauptaktionär hinter sich und will nun im offenen Dialog mit seinen Mitarbeitern den Wandel vorantreiben.

Mitarbeiter besser und selbstbewusster machen

Offenheit und weniger Vorgaben von oben – darin liegt nach Ansicht von Schwirz ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Dazu müsse es den Mitarbeitern möglich gemacht werden, innerhalb gewisser Leitplanken eigenständig zum Beispiel über Preise oder Vereinbarungen zu entscheiden, wenn sie mit Kunden sprechen. „Natürlich ist es für manchen ungewohnt, Verantwortung zu übernehmen und das Risiko der eigenen Entscheidung zu spüren. Aber damit wächst ein Mitarbeiter auch und zugleich wird das Unternehmen flexibler, schneller und kundenorientierter“, sagt Schwirz. Denn Mitarbeiter besser und selbstbewusster zu machen, sei eine wichtige Führungsaufgabe – gerade in der Transformation eines Unternehmens.

Comments are closed.